ich kam nach deutschland
um mit max bill zusammen zu arbeiten.
den sie
in brasilien getroffen hatten?
nein, ich habe
1950 die ausstellung über max bill in são paolo
gesehen. das war eine große retrospektive, die mich
sehr beeindruckt hat. als ich in paris war, bin ich nach zürich
aufgebrochen, um den brasilianischen kunstkritiker mario pedrosa
zu treffen. wir wurden von max bill zu einem atelierbesuch
eingeladen. dort traf ich erstmals max bill.
wer waren
ihre lehrer an der hfg?
meine ersten lehrer
in der grundlehre an der hfg waren helene nonné-schmidt
und josef albers. leider habe ich aus finanziellen gründen
den ersten kurs bei peterhans verpasst. ich habe ihn zwar
noch erlebt an der hfg, aber nicht mehr an seinem unterricht
teilgenommen. die studenten waren sehr begeistert von ihm.
nachmittags habe ich dann praktische aufgaben von otl aicher
bekommen. otl aicher zählte auch zu meinen lehrern –
aber nur nachmittags. vormittags war er mein kommilitone in
der grundlehre bei albers, an der er auch teilnahm und oft
neben mir saß. nachmittags hat er mir dann praktische
aufgaben gestellt, wie zum beispiel die dekoration eines schaufensters
für die ausstellung „gutes spielzeug“ 1954.
vordemberge-gildewart war in diesem ersten jahr noch nicht
da. im unterricht war auch max bill ein gern gesehener gast.
die klassifizierung, was ein lehrer und was unterricht ist,
war nicht so streng. es konnte passieren, dass hans gugelot
kam und unvorhergesehen über design sprach. in dieser
allerersten phase der hfg – damals noch am marktplatz,
der kuhberg war noch nicht fertig – gab es noch kein
strenges unterrichtsschema. man lernte sehr viel in der diskussion,
auch mit anderen kommilitonen. als offizielle lehrer für
die grundlehre hatten wir damals nonné-schmidt, albers
und peterhans.
was waren
die ziele der grundlehre, was sollte vermittelt werden?
die ziele der grundlehre
kann man in jedem programm nachlesen. aber es gab ein inoffizielles
ziel der grundlehre. arbeiten zu lernen, konseqünt denken
zu lernen, realisieren zu lernen, visualisieren zu lernen.
arbeiten zu lernen hieß zum beispiel bei nonné-schmidt,
dass auch auf meinem tisch alles nur auf die gegenstände,
die man unbedingt braucht, reduziert werden sollte. organisation
und planung ist von großer wichtigkeit, und das beginnt
bereits beim arbeitstisch. gelernt haben wir zum beispiel
auch, wie man sitzen sollte, als voraussetzung, um genau und
präzise arbeiten zu lernen. wie wir hier jetzt sitzen,
ist es unmöglich, eine zeichnung zu machen. auch eine
körpergerechte haltung ist die voraussetzung für
gutes arbeiten. nonné-schmidt war eine sehr starke
persönlichkeit, die uns viel vom bauhaus zu vermitteln
suchte. sie berichtete uns, wie es am bauhaus wirklich gewesen
ist. sie hat uns im grunde genommen das bauhaus geliefert.
albers hat kaum über das bauhaus gesprochen, er war das
bauhaus. albers war in der grundlehre schon wie ein mythos
für uns. er war sehr gründlich und gelassen und
sehr angenehm im unterricht. seine maxime war: ich bin da,
um eure augen zu öffnen. die augen zu öffnen bedeutete,
eine empfindung für farbwerte zu wecken, die relation
der farbwerte und die relativität der farbe im farbvergleich
sichtbar zu machen. nehmen wir zum beispiel rot – es
gibt kein bestimmtes rot. es gibt einmal das rot, das man
denkt, das man sich vorstellt. was der eine sich unter rot
vorstellt, ist für den anderen gar nicht rot. wenn man
dagegen ein rot vor einen blaün hintergrund stellt, oder
das gleiche rot vor einen gelben hintergrund, ist es schon
ein anderes rot. farbe hat nur einen relativen wert. albers
hat dazu auch immer menschliche vergleiche gebracht, hat sich
gelöst von kalten wissenschaftlichen oder technischen
beispielen. wenn sie zum beispiel nach italien umziehen, sind
sie nicht mehr der gleiche mensch, als wenn sie in deutschland
sind. wieder anders ist es, wenn sie in frankreich leben.
und so verhält es sich auch mit den farben. die farben
haben einen relativen wert, der sich nach dem hintergrund
richtet.
gab es
auch bei nonné-schmidt ein grundthema, wie es bei albers
die relativität der farbe war?
auch bei nonné-schmidt
war das grundthema die farbe. ihr mann hatte eine farblehre
hinterlassen, die sie in ulm weiterbearbeitet hat –
später auch mit hilfe des ulmer studenten eckhard neumann.
ob diese farbtheorie je vollendet wurde, oder veröffentlicht
wurde, weiß ich nicht. grundsätzlich ging es ihr
aber auch immer um die vermittlung der inhalte des bauhauses,
ohne das nun explizit zu sagen. eine der aufgaben in der grundlehre
bei nonné-schmidt bezog sich zum beispiel, wie sie
es nannte, auf eine abstrakte idee von paul klee. wenn eine
linie eine andere linie trifft, so treffen sie sich in einem
punkt. und dieser punkt ist ein energiepunkt, der die ganze
energie der kraft enthält, die beide linien aufeinandertreffen
läßt. und dies
sollten wir darstellen. dies ist eine wunderschöne idee:
der punkt als kraftzentrum. im unterricht schuf ich dann eine
reihe von darstellungen für diese aufgabe. später
habe ich dann in meinem zimmer in ulm das erste bild mit punkten
gemalt. denn was ist eine linie anderes, als eine reihe von
punkten? die ganze grundlehre war eine qülle für mich
als maler. was ich dort lernte, habe ich noch über den
unterricht hinaus weiterinterpretiert, und daraus ist eine
ganze reihe von bildern entstanden. die grundlehre schuf einen
völlig neün hintergrund für meine malerei.
war es
auch möglich, ihre bilder, die mehr oder weniger heimlich
an der hfg entstanden, mit den lehrern zu diskutieren?
nicht mit den kommilitonen.
aber mit einigen lehrern. bill hat fast ständig meine
bilder gesehen. auch albers hat dieses erste bild mit punkten
gesehen, riet mir aber ab, so weiter zu machen. er sagte:
„das hat keine zukunft in der malerei. am besten ist
es, aufzuhören, nicht weitermachen.“ ich habe aber
weitergemacht und ein jahr später kam er nach münchen
und ich hatte ein paar bilder im auto, darunter auch weitere
bilder mit punkten. er war dann ganz begeistert: „das
hat pfeffer“. ich habe daraus viel gelernt, auch für
meinen unterricht später in hamburg. zu den studenten
sagte ich immer: ich meine es ist so, aber vorsicht, es kann
sein, dass ich einen fehler mache. ich habe sehr viel von
meinen lehrern gelernt, insbesondere, nicht zu machen, was
sie gesagt haben. oft liegt die gefahr von sehr guten lehren
darin, dass man von ihnen abhängig bleibt.
bei max
bill hatten sie keinen unterricht in der grundlehre?
nein. aber ab und
zu erschien er im unterricht der anderen lehrer, da er wissen
wollte, was in der grundlehre unterrichtet wurde. ich erinnere
mich, dass er einmal in den unterricht von albers kam und
sich aus dieser spontanen begegnung eine große diskussion
um die bidimensionalität entwickelte. wir arbeiteten
gerade an einer aufgabenstellung von albers, in kurzer zeit
quadrate oder kreise auf dem blatt anzuordnen. danach ging
albers die ergebnisse durch und sagte, dies ist richtig, dies
ist falsch, ohne auf die namen zu achten und ohne, dass wir
zunächst verstanden, warum er die eine lösung für
gut befand und die andere nicht. erst allmählich verstanden
wir, dass er das quadrat als zweidimensionale fläche
auffasste, und es daher keine überlappungen oder überschneidungen
geben durfte. im grunde sind in der konseqünten konkreten
darstellung im bild die farben ununterbrochen und kontinuierlich,
auch wenn farbflächen übereinander liegen. das war
auch die zeit, in der albers an den huldigungen an das quadrat
gearbeitet hat, wo es ja eigentlich nur ein vollkommenes quadrat
gibt, jenes in der mitte, das von anderen quadraten hinterschnitten
wird, weshalb es wohl auch „huldigung an das quadrat“
heißt.
über dieses unterschiedliche verständnis des quadrats
gab es eine heftige diskussion zwischen albers und bill, in
der albers einen hochroten kopf bekam und die wir voller durst
in uns aufgesogen haben.
gab es
grundlegende meinungsverschiedenheiten zwischen den lehrern
der grundlehre was gestalterische punkte anbelangte?
da bin ich überfragt,
da ich als student diese vorgänge natürlich nur
aus der frosch-perspektive gesehen habe. da wäre maldonado
der bessere ansprechpartner, der ein jahr später gekommen
ist. es stimmt übrigens nicht, was man immer liest, dass
bill maldonado als dozent geholt hätte. bill hat mir
selbst erzählt, dass maldonado ihm geschrieben hätte,
weil er ein buch über bill schreiben wollte. eigentlich
kam er zunächst nur aus diesem grund nach ulm.
kann man
sagen, dass die malerei an der hfg keine rolle spielte?
nein, das kann
man nicht sagen. allein das oben erwähnte zitat nach
klee zeigt, welche rolle die kunst in der grundlehre spielte.
und natürlich sah man auch die bilder der lehrer. ich
erinnere mich noch an die große zahl von bildern mit
denen damals vordemberge-gildewart an die hfg anreiste. wir
waren sehr froh, damals diese bilder sehen zu können.
besonders wichtig
für mich war der unterricht von max bense. dort musste
ich unbedingt dabei sein und zuhören, auch wenn ich mich
mit dem deutsch noch schwer tat. ich musste diesem mann einfach
zuhören, ihn sprechen sehen; er war für mich wie
ein magier. alle studenten waren begeistert von bense, auch
wenn ich glaube, dass nur wenige verstanden haben, was er
meinte. bei mir daürte es etwa vier monate, bis ich die zusammenhänge
verstand. bense war der kopf dieser chaotischen gesellschaft.
hat bense
sich für die malerei ausgesprochen?
immer. max bense
hat mit seiner informationstheorie einen großen einfluss
auf meine plakate und auch meine malerei ausgeübt. was
ich bei bense gelernt habe ist, dass information direkt gegeben
werden muss, ohne störung, ohne zutaten.
welche
rolle spielt die information für die konkrete kunst?
jedes konkrete
bild ist ein gegenstand und jeder gegenstand hat eine bestimmte
information. das portrait der information ist der titel. ein
bild ohne titel ist absurd, weil ein titel eine ganz einfache
information ist, eine identifikation der information. alles
muss irgendwie bezeichnet werden. jedes meiner bilder hat
einen titel. das bild in der sammlung „kunst + design
ingolstadt“ heißt „zwei konvexe hälften“.
und was
ist die eigentliche information?
die eigentliche
information ist zunächst die substanz, das bildkonzept,
das ist die erste information. die zweite information ist
das glück, dass diese idee ein neüs objekt geschaffen
hat, das eine ästhetische innovation enthält.
auch bill nahm am unterricht von bense teil und bense sagte
zu bill, hol mir das bild, das ich in deinem haus gesehen
habe. bill kam mit einem graün bild wieder mit verschiedenen
schwarzen quadraten in einem raster und eines der quadrate
war weiß. nach bills vorstellung war dieses eine quadrat
weiß, weil es auf einem treffpunkt von verschiedenen
koordinaten lag. diese konkrete komposition hat bense überhaupt
nicht interessiert. ihn interessierte an diesem bild, dass
das weiße quadrat in diesem zusammenhang die höchste
information über ein quadrat überhaupt war. in einem
feld voller gleicher quadrate gab es ein einziges, mit dem
gleichen format, welches das wichtigste war. und dann sagte
er beiläufig, „wenn die höchste information
eines quadrats ein kunstwerk werden kann, dann kann auch die
höchste deformation eines quadrats zum kunstwerk werden.
das überlasse ich aber dem maler.“ als ich das
hörte, lud ich bense in mein atelier ein und zeigte ihm
das bild, das ich damals „der deformierte ring“
nannte. ob beeinflusst durch bense oder nicht, beschäftigte
ich mich schon damals mit dem problem der deformation. mir
war bewusst, dass bill, wohl beeinflusst durch ein gemälde
von malewitsch, ein bild in sfumato gemalt hatte. die sfumatotechnik
ist eine äußerst beliebige angelegenheit. ich wollte
durch die punkte des rasters diesen farbvorgang besser kontrollieren.
durch das raster gelangte ich nicht zur relativierung sondern
zur präzisierung der struktur und dadurch zur deformation.
mir wurde bewusst, dass ich dadurch die geometrische malerei
deformieren konnte, wie picasso die naturalistische deformiert
und dadurch neu formiert hatte. dadurch bezog ich als noch
relativ junger maler eine gewisse gegenposition zur konkreten
malerei. sie können zum beispiel im museum im kulturspeicher
in würzburg sehen, dass mein bild als einziges eine andere
sprache spricht. das ist keine bidimensionale sprache mehr.
es gibt eine ordnung in meinen bildern, die mathematische
relation, aber sie sind nicht mehr flach. und gerade diese
dreidimensionalität führte mich damals zu der neün
künstlergruppe, zu zero.
jedenfalls hat bense sehr viel über malerei gesprochen
und die malerei hat an der hfg eine große rolle gespielt.
bill hat zwar nicht an der hfg gemalt, aber er war umgeben
von bildern und hat diese auch den studenten gezeigt. vordemberge-gildewart
hat täglich gemalt. ich erinnere mich an mindestens vier
bilder von maldonado, sehr gute bilder. es gab eine perversion
von design – die künstler sind zum design pervertiert
– ich bin einer der wenigen, die das nicht mitgemacht
haben. ich habe einfach graphikdesign und kunst gemacht und
dabei die malerei nicht verraten. das war allerdings sehr
schwer, denn schon max bill sagte mir, dass ich in ulm nicht
malerei studieren könne, dass es in ulm keinen unterricht
in malerei gäbe und doch war das für mich die beste
malereischule. ich behaupte heute, dass die hochschule für
gestaltung in ulm die beste kunstakademie war – damals
und bis heute.
wer machte
denn die vorgabe, dass ulm keine kunsthochschule sein sollte?
das ging von bill
aus. er sagte mir, als ich den wunsch äußerte,
bei ihm zu studieren, die hfg ulm sei für eine junge
deutsche generation, die durch den krieg von der allgemeinen
europäischen kultur abgeschnitten worden ist. sie sei
nicht für romantische maler, die in paris leben.
wie erklären
sie sich, dass gerade ein mann wie max bill, dem die kunst
soviel bedeutet hat, die kunst an der hfg offiziell abgelehnt
hat?
vermutlich hatte
er angst, dass sich die gleichen „fehler“ wie
am bauhaus in ulm wiederholen könnten. hätte er
sich konseqünt für die kunst eingesetzt, hätte
eine persönlichkeit, wie etwa joseph beuys, professor
in ulm werden müssen – eine hohe vision. er tat
sich natürlich auch leichter, die kunst auszuschließen,
da er selbst gemalt hat und auch nicht aufhörte, für
sich selbst zu malen. das war ein bewusster schachzug von
ihm.
als ich die oben erwähnte absage von bill erhalten hatte,
war mir bewusst, dass ich nicht an die hfg gehen konnte. trotzdem
bin ich mit meiner vespa nach ulm gefahren, wo ich inge aicher
kennen gelernt habe. dann bin ich weiter nach stuttgart gefahren,
zu willi baumeister. da ich als brasilianischer beamter beurlaubt
war, brauchte ich die bestätigung einer schule, dass
ich dort studierte. baumeister war bereit, mich aufzunehmen
und schrieb auch an den brasilianischen präsidenten,
obwohl ich ihm klar gesagt hatte, dass ich eigentlich bei
bill studieren wollte und nur in stuttgart wegen der nähe
zu ulm studieren würde. er nahm mich mit einer enormen
herzlichkeit auf, führte mich in stuttgart herum, zeigte
mir die künstlercafés und sein atelier. er erklärte
mir seine bilder, erläuterte mir, wie er mit dem kamm
die strukturen auf den bildern schuf. die gastfreundschaft
und geduld dieses großen mannes hat mich sehr beeindruckt.
es kam dann aber doch noch zu einem treffen mit bill. er sagte
zu mir, „sie wissen, dass wir hier keine kunst machen,
aber einen löffel zu entwerfen ist genauso wichtig wie
ein bild zu malen, wenn diese arbeit mit präzision ausgeführt
wird. wenn diese präzision erreicht wird, kann ein wunder
geschehen. wir haben kunst nicht in unserem programm, aber
wenn eine heutige kunst entsteht, so entsteht sie auch bei
uns.“
wurde im
unterricht auch der begriff „konkrete kunst“ diskutiert?
der begriff wurde
viel verwendet und besprochen. auch in der sprache wurde dieser
begriff diskutiert, schließlich war ja auch eugen gomringer,
der vater der konkreten pösie, in ulm. am ulmer museum wurden
ausstellungen zur konkreten kunst gezeigt. man weiß
heute ja gar nicht mehr, welche bedeutung das wort „konkret“
damals für die kunst hatte. auch in brasilien, meiner
heimat, gab es konkrete künstler und konkrete pösie
und im museum of modern art in rio gab es ausstellungen zur
konkreten kunst. es gab einen regen austausch unter den konkreten
künstlern und natürlich auch zwischen ulm und anderen
zentren.
wie sehen
sie das verhältnis von kunst und design aus der tradition
eines ehemaligen hfglers? gibt es eine trennung zwischen diesen
beiden gestalterischen feldern?
unsere zivilisation
beginnt nicht mit der hfg. schon im alten ägypten gab
es eine schule für gestaltung, die „deir el-medineh“,
um die besten maler, die besten bildhaür und die besten architekten
auszubilden. der pharao persönlich hat sich für
diese schule interessiert. als ich über diese schule
las, hatte ich den kuhberg vor augen. es gab in ägypten
eine ungeheure spezialisierung: so waren künstler darauf
spezialisiert, nur die konturen zu malen. man kannte schon
die schablone, und man arbeitete eigentlich schon industriell.
nein es gibt keine unterscheidung zwischen kunst und design.
um wieder zu max bense zurück zu kommen: alles was der
mensch macht, ist ein gegenstand. jeder gegenstand ist design.
ein bild ist design, genauso wie eine skulptur. jeder gegenstand
hat einen spezifischen gebrauchswert. wir sitzen, wir trinken
und wir haben unsere geistigen bedürfnisse. literatur,
malerei, theater, musik, das sind alles unsere geistigen bedürfnisse.
die trennung von kunst und design ist absurd. kunst ist design,
so einfach ist das und ich habe daran keinen zweifel.
nehmen wir zum beispiel die gestaltung des ausstellungsplakats.
die gestaltung mit den vier dreiecken ergibt sich daraus,
dass es vier informationen gibt. gleichwohl stellt das plakat
einen bruch dar mit dem, was ich bei otl aicher gelernt habe.
eine formalistische lektion von aicher war, dass jede schrift
auf dem plakat die gleiche größe haben muss. bei
diesem plakat hier aber, bei dem jedes dreieck eine unterschiedliche
information repräsentiert und die informationstexte unterschiedliche
längen aufweisen, versuchte ich zwar die gleiche schriftgrößen
beizubehalten, aber es war nicht möglich. allein die
information museum für konkrete kunst ingolstadt ist
eine riesenstruktur. die gestaltung richtet sich nach diesen
strukturen, und die strukturen ermöglichen vier verschiedene
schriftgrößen. diese variation ist möglich,
weil es einen grund dafür gibt. wenn man in der gestaltung
sagt, etwas muss so sein, so stimmt das nicht. warum muss
etwas so sein – nein es muss einen grund dafür
geben, sonst ist es formalismus.
wie kam
es zu der entwicklung der modulplakate und der additiven plakate?
ich arbeitete damals
für ein museum und das konzept beruhte auf dem gedanken,
dass das museum ein ort ist, an dem wechselausstellungen stattfinden.
es ist also ein zusammenspiel aus einem und vielen, einer
konstante und einer variante. die konstante verlangt die variante
und die variante verlangt die konstante. dies ist das zusammenspiel:
die konstante ist das museum und die variante ist der wechsel
der ausstellungen. die idee war, für diese konstante,
das museum, eine art von signet zu entwerfen, ein signal,
das sich für jede ausstellung in einer form von interpretation
wiederholte. zunächst war das vor allem eine farbige
variation. das war die geburt des modulplakats, die nicht
zuletzt aus ökonomischen gründen heraus geschah.
hat sich
das additive plakat aus dem modulplakat heraus entwickelt?
dieses erste modulplakat,
das ich für das museum in ulm entwickelt habe, kann man
sogar als additives plakat verwenden. beim additiven plakat
ging es mir um die gestaltung von großen flächen
– insofern war es ein ganz anderer ansatz als beim modulplakat.
das interessante am additiven plakat ist: je größer
die fläche, umso vielseitiger und spannender ist das
ergebnis. diesen unterschied kann man sehr schön beim
ingolstädter ausstellungsplakat beobachten. auf der einladungskarte
taucht das plakat viermal auf, ein sehr schönes motiv.
beim katalog ist es jedoch - um ein naturalistisches bild
zu gebrauchen - als ob ein schwarm von schmetterlingen über
den einband fliegt.
wie ist das verhältnis von gestaltung und information
in ihren plakaten?
gestaltung beim
plakat ist information! es gibt textinformation und bildinformation.
die wichtigste textinformation, von der ich bei der gestaltung
des plakats für ingolstadt ausgegangen bin, ist „museum
für konkrete kunst“. konkrete kunst basiert auf
einer hohen präzision der darstellung. ich hatte diesen
entwurf schon vorher gemacht, ohne ihn für einen bestimmten
zweck vorzusehen. er war einfach da und hat gewartet. diese
geometrische komposition erwies sich als exakt geeignet für
das plakat. es gibt vier informationen: das museum, der künstler,
wobei der name „almir mavignier“ weniger wichtig
ist, als die information „plakate“. genauso wie
die information „ingolstadt“ für den namen
des museums sehr wichtig ist, weshalb „plakate“
und „ingolstadt“ extra positioniert wurden. die
dritte information ist der katalog und die vierte information
sind die öffnungszeiten. die gestaltung eines plakats
muss einzigartig sein und überraschend. die textinformation
muss so kurz wie möglich sein, je kürzer, desto
eindringlicher. ein plakat ist kein roman, sondern ein telegramm.
oder lassen sie es mich etwas aphoristisch sagen: „der
unterschied zwischen einem plakat und einem gemälde ist
ein stuhl“: sie brauchen einen stuhl, um ein bild optimal
anzuschaün. man will jedoch eigentlich kein plakat sehen.
ein plakat ist räuberisch, ein plakat ist eine art piraterie.
niemand geht auf die strasse, um ein plakat zu sehen. das
plakat überfällt einen, wenn es ein gutes plakat
ist. dabei spielt natürlich etwas eine große rolle,
von dem schon maldonado an der hfg immer gesprochen hat: der
geschwindigkeitsfaktor. die plakatgestaltung bei toulouse-lautrec
musste ganz anders aussehen als in der heutigen hochgeschwindigkeitszeit,
da man damals noch in kutschen gefahren ist. eigentlich müsste
man heute einmal die gestaltung von plakaten für flugzeuge
untersuchen.
geht es
bei bild und plakat um die vermittlung von information? liegt
der unterschied zwischen einem bild und einem plakat darin,
wie information vermittelt wird?
das plakat hat
eine bestimmte information, das bild eine unbestimmte information.
in dieser unbestimmtheit liegt auch ein teil des informationswertes
des bildes. für den einen bedeutet das bild a, für
den anderen b, für einen dritten c.
bedeutet
das, dass sie dem betrachter überlassen, welche information
er dem bild entnimmt?
ja, das ist für
mich ein muss. die hauptsache ist für mich die faszination.
natürlich kann auch ein gutes plakat faszinieren. deshalb
sind ja die übergänge fließend.
abschließend
noch einmal eine frage zur hfg. sind die ideale der hfg ein
mythos oder sind sie noch zeitgemäß?
nein sie sind kein
mythos, sie sind noch sehr virulent: funktionalität,
die form als ergebnis eines konzepts, ohne konzept kein produkt.
diese ideale sind das erbe der hfg und sie sind sehr lebendig.
aber auch in meinem kunstunterricht an der akademie in hamburg
habe ich versucht, die ideale der hfg umzusetzten. kunst kann
man nicht unterrichten, da man nicht weiß, was kunst
ist. ich habe lediglich versucht, die jungen künstler
darin zu fördern, ihre persönlichkeit selbst zu
entdecken.
herr prof.
mavignier, wir danken ihnen für dieses gespräch.