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unterschied zwischen einem plakat und einem gemälde ist
ein stuhl“ 1 dieser
zunächst dadaistisch anmutende satz stammt von almir
mavignier. er fasst den einfachen sachverhalt zusammen, dass
man für die betrachtung eines bildes zeit benötigt,
während ein plakat schnell erfasst werden muss, will
es in der sinnenflut unserer modernen welt überhaupt
wahrgenommen werden. er besagt in einer gewissen überspitzung
aber auch, dass dies der einzige unterschied ist.
während man bei einem toulouse-lautrec akzeptiert hat,
dass dieser künstler in erster linie mit seinen plakaten
in verbindung gebracht wird, trennt man heute gerne in künstler
und designer. wie aber müsste almir mavignier bezeichnet
werden: als kommunikationsdesigner, grafik-designer, gebrauchsgrafiker
oder konkreter künstler? nur scheinbar wird dieses problem
durch das kompositum „plakatkünstler“ umgangen.
mavignier selbst hat diese frage schon vor langer zeit für
sich geklärt. er sei 1953 nach ulm an die hochschule
für gestaltung gegangen, um die grenze zwischen gemälde
und plakat zu erforschen, habe aber gelernt, dass eine solche
grenze gar nicht existiere.2 beide medien vermittelten nach
mavignier eine „ästhetische information“3,
die sie zu nahezu gleichwertigen trägern von gestaltung
mache. fehlt diese „ästhetische information“
jedoch, handele es sich nur noch um reine dekoration. die
überkommene trennung von kunst und design ist aufgehoben.
auch nach fünfzig jahren hat sich diese haltung kaum
in der allgemeinen wahrnehmung durchgesetzt. mavigniers umfangreiches
werk, das malerei, serigrafie und plakat umfasst, demonstriert
anschaulich die einheit von kunst und design.
die vorliegende
publikation gibt zeugnis von mavigniers zeit an der hochschule
für gestaltung. im anregenden geistigen und gestalterischen
klima dieser bedeutenden schule wurden die grundlagen für
seine kunstanschauung gelegt. kunst war zwar offiziell kein
bestandteil des lehrplans, doch ermunterte ihn max bill dazu,
weiterhin künstlerisch tätig zu sein. helene nonné-schmidt
brachte ihm eine abstrakte idee paul klees nahe, die seine
kunst nachhaltig beeinflussen sollte: der punkt, in dem sich
zwei linien treffen, ist ein energiepunkt, der die kraft der
beiden linien in sich trägt.4 der punkt hatte für
klee in seiner am bauhaus entwickelten „bildnerischen
gestaltungslehre“ eine besondere bedeutung: „nur
eines ist gestalterisch nicht möglich, die beschränkung
auf den punkt.[...] und doch liegt der punkt allem zu grunde
und ist also urelement für die gestaltung.“5 demzufolge
definiert klee die linie konseqünt als eine reihe von punkten.
das gemälde
„konvexe hälften“ aus dem jahr 1967 (sammlung
kunst + design ingolstadt, abb. seite 7) veranschaulicht eindrucksvoll,
wie der punkt ein gestaltungsmittel almir mavigniers geworden
ist, das er auch für plakate einsetzt. es handelt sich
dabei um keinen figurativen pointillismus. die sich nur scheinbar
bildenden geometrischen formen wie quadrat oder dreieck, werden
gerade durch die rasterung wieder aufgelöst und „deformiert“.
der einzelne punkt ist konkret, indem in ihm „der materiale
inhalt der punkt selbst“ ist.6
im unterschied etwa zu otl aicher ist es für mavigniers
grafik entscheidend, dass er maler ist: “wenn ich nicht
maler wäre“, so mavignier in einem interview aus
dem jahre 1996, „hätte ich wahrscheinlich ganz
andere plakate gemacht.“7 wo aicher in der regel von
der fläche ausging, versucht mavignier häufig, die
ambivalenz von räumlichkeit und flächigkeit, die
seine gemälde auszeichnet, auch in seinen plakaten zu
verwirklichen.
der ulmer
museumsleiter herbert pée bescheinigte den plakaten
mavigniers eine „eklatante optische wirksamkeit.“8
diese erreicht mavignier jedoch nicht durch plakative verwendung
von farben oder aufsehenerregenden motiven. ganz in ulmer
tradition bestechen seine plakate durch eine ausgewogene verwendung
gestalterischer mittel, die alles überflüssige eliminiert.
diese beschränkung auf das notwendige verbindet sich
mit einer ungemein präzisen ausführung. die wahl
des papiers, die bewusste verwendung von matten und glänzenden
partien machen sie zu begehrten sammlerobjekten. ist jedes
plakat für sich aber bereits ein „kunstwerk“,
so stellt sich die frage, ob es solchermaßen überhaupt
den anforderungen eines massenmediums, eines werbemediums
genügt? häufig ist gerade die schrift, als ein wichtiger
faktor der informationsvermittlung, nur schwer zu lesen. dennoch:
der hohe reduktionsgrad und die ausgewogene verwendung von
schrift, farbe und grafik verleihen den plakaten einen großen
wiedererkennungswert. über den ersten flüchtigen
blick hinaus fordern sie den betrachter auf, genaür hinzusehen,
genaür wahrzunehmen. nicht allein durch den text, sondern
vielmehr mittels der gestaltung wird eine botschaft transportiert,
jene „ästhetische information“, die mavignier
als das wesentliche verbindende element zwischen kunst und
design sieht.9
es ist
auffallend, dass ein überwiegender teil der plakate mavigniers
für museen und ausstellungen entworfen worden ist. man
mag dort den strengen gestalterischen prämissen mavigniers
mit einem gewissen verständnis begegnet sein. sicherlich
wird es ihn aber auch gereizt haben, sich mit einem künstlerischen
thema, etwa einer ausstellung oder gar mit einem ja bereits
gestalteten kunstwerk, auseinander zu setzen. eigentlich untypisch
für einen vertreter der konkreten kunst, resultieren
aus dieser auseinandersetzung partiell gegenständliche
plakate, etwa jenes für die hamburger kunsthalle, das
einen ausschnitt aus philipp otto runges „der morgen“
zeigt.10 mavignier wählt jedoch bewusst nur einen ausschnitt
des vorbilds. die vollständige reproduktion eines gemäldes,
wie sie häufig bei ausstellungsplakaten verwendet wird,
empfindet er als kitsch.11 durch die wahl des ausschnitts
greift er gestaltend ein. die plakate illustrieren nun nicht
mehr die vorlage, sondern behaupten einen eigenständigen
charakter: „das optische, pur gehandhabt und doch ganz
bei der sache, hat den vorrang vor allem illustrativen, das
plakathafte löscht alles nur erzählende aus.“12
das cross-over
zwischen kunst und angewandter kunst lässt sich auch
an anderer stelle im werk mavigniers nachvollziehen. häufig
hat er additive plakate entwickelt, bei denen die grenze zur
kunst im öffentlichen raum verschwimmt. das plakat für
die ingolstädter ausstellung stellt eine mögliche
gestaltung für ein solches additives plakat dar (katalogumschlag).
sowohl formale anordnung als auch schrift ermöglichen
es, das plakat in vier positionen zu hängen bzw. zu kleben.
auf einer größeren fläche sind daher mehrere
interessante farb- und formvarianten denkbar.
mavignier schafft so ein system, das unter beibehaltung einer
gestalterischen konstante ein höchstmaß an varianten
ermöglicht und erfüllt damit eine wichtige forderung
der industriellen produktgestaltung im 20. jahrhundert: die
massenproduktion hatte die notwendigkeit aufgezeigt, eine
form zu finden, die sich beliebig reproduzieren ließ.
es waren vor allem bauhaus und hfg, die diese idee in theorie
und praxis weiterentwickelt haben. im bereich der kunst hatte
claude monet mit seinen kathedralen- und seerosenbildern im
19. jahrhundert das prinzip der serie eingeführt, das
ab den frühen 1960er jahren mit andy warhol zu einem
grundlegenden gestalterischen mittel der pop art werden sollte.
das der werbung entlehnte siebdruck-verfahren ermöglichte
es warhol, basierend auf einer vorlage, mehrere, sich nur
in der farbe unterscheidende bilder etwa von „marilyn“
oder „elvis“ zu schaffen.
im unterschied dazu basieren die additiven plakat mavigniers
auf der wiederholung des immergleichen. indem das einzelne
plakat dabei in einem neün, größeren gebilde aufgeht,
wird es verfremdet und erfüllt solchermaßen eine
voraussetzung des kunstwerks. auch wenn die bildwelten kaum
unterschiedlicher sein können, stellen sowohl warhol
als auch mavignier die trennung zwischen kunst und werbung
infrage.
mit warhol verbindet mavignier zudem das ziel, die individülle
künstlerhandschrift zu eliminieren. so vermeidet mavignier
in seinen gemälden jeden gestischen pinselduktus. er
trägt jeden punkt in einem beinahe mechanischen prozess
auf die leinwand auf. ziel ist, wie zumeist in der konkreten
kunst, eine objektivierung des konkreten inhalts, der „ästhetischen
information“. mavignier steht diesbezüglich etwa
der gruppe zero nahe, der er nach seinem studium zeitweilig
angehörte. so konstatierte günther ücker als eines
ihrer mitglieder: „die mechanik als gestaltungsmittel
bietet uns großartige möglichkeiten, ästhetische
informationen zu realisieren.“13
die vorstellung vom authentischen kunstwerk als unikat geht
hierbei allerdings verloren. mavignier nimmt dies in kauf,
da er den informationsgehalt höher schätzt. seine
serigrafien sieht er als dokumentation seiner malerei. unterliegt
das ölbild der gefahr, zerstört zu werden oder verloren
zu gehen, so bewahrt die auflage „die information vor
zerstörung und vernichtung. sie verbreitet die information
ganz anders als das unikat, sie multipliziert.“14
der verbreitung von information dient auch das plakat. mit
dem verlust der authentizität geht die einlösung
einer wichtigen forderung der kunst des 20. jahrhunderts einher,
ihre demokratisierung: kunst für alle! gerade das plakat
markiert dabei die schnittstelle von kunst und design.
bereits
henri toulouse-lautrec hatte im ausgehenden 19. jahrhundert
die kunst durch das plakat in den öffentlichen raum eingeführt.
darf ein heutiger plakatentwerfer wie almir mavignier aber
noch mit dem großen franzosen verglichen werden? sicherlich,
die plakatgestaltung hat sich seitdem gewandelt. nach wie
vor geht es jedoch um informationsvermittlung und darum, den
betrachter durch das nichteinlösen von erwartungen, durch
überraschung, in den bann zu ziehen. dies gelingt dem
brasilianer immer wieder. und was den unterschied zu toulouse-lautrec
anbelangt: auch der würde, so stellt almir mavignier
überzeugend fest, „heute anders entwerfen.“15 |
1 siehe
interview mit almir mavignier, S. 151.
2 siehe francisco homem de melo, almir mavignier – five
decades of rusters, in i are design 16 (oct./nov. 2000).
3 siehe interview mit almir mavignier, im katalog kunst im anschlag.
plakate aus der sammlung des museums für angewandte kunst
köln, köln 1996, S. 154 f.
4 vgl. interview mit almir mavignier, in: katalog kunst im anschlag.
plakate aus der sammlung des museums für angewandte kunst
köln, köln 1996, s. 156.
5 paul klees „bildnerischer gestaltungslehre“ am
bauhaus, siehe susanne friedli, specielle ordnung, in: paul
klee. die kunst des sichtbarmachens. materialien zu klees unterricht
am bauhaus, hrsg. v. kunstmuseum bern/paul klee-stiftung und
seedamm kulturzentrum pfäffikon, bern 2000, s. 69.
6 max bense, mavignier von hegel aus, in: katalog almir mavignier,
kestner gesellschaft hannover, 1968, s. 7.
7 katalog kunst im anschlag. plakate aus der sammlung des museums
für angewandte kunst köln, köln 1996, s. 157.
8 katalog kestner gesellschaft hannover, 1967, s. 54.
9 vgl. anm. 3.
10 siehe katalog museum für kunst und gewerbe hamburg,
hrsg. v. axel von saldern, 1981, s. 30.
11 mavignier beruft sich hierbei auf einen ausspruch max benses:
„jedes kunstwerk wird durch multiplikation zum kitsch“.
vgl. interview mit almir mavignier, in: katalog kunst im anschlag.
plakate aus der sammlung des museums für angewandte kunst
köln, köln 1996, s. 153.
12 herbert pée, katalog kestner gesellschaft hannover,
1967, s. 54.
13 ausstellungs-katalog zero-raum, kunstmuseum düsseldorf,
1973, o. s., zitiert nach kat. almir mavignier. prinzip seriell,
kunstmuseum düsseldorf, 1973, o. s.
14 katalog almir da silva mavignier. druckgrafik und plakate,
hamburg 1978, o.s.
15 katalog almir da silva mavignier. druckgrafik und plakate,
hamburg 1978, o. s. |