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betrachtungenHier einige Betrachtungen von mir, mit denen ich mich mit Narrativen innerhalb des Werkes meines Vaters auseinandersetze.
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Künstler des SehensWas untersucht Kunst?
Farbe? Form? Gefühle? Gesellschaft? Almir Mavignier interessierte sich für etwas Fundamentaleres. Er untersuchte das Sehen selbst. Die Kunstgeschichte kennt Almir Mavignier als einen der bedeutenden Vertreter der Konkreten Kunst, der Op Art und der internationalen Bewegung Neue Tendenzen. Seine Werke waren auf der documenta Kassel, der Biennale von Venedig und in der legendären Ausstellung The Responsive Eye des Museum of Modern Art in New York zu sehen. Doch vielleicht beschreiben diese kunsthistorischen Kategorien nicht vollständig, worum es in seinem Werk eigentlich geht. Vielleicht lässt sich Mavigniers Lebenswerk einfacher und zugleich präziser beschreiben: Almir Mavignier war ein Künstler des Sehens. Nicht das Bild selbst war sein eigentliches Thema, sondern der Moment, in dem das Bild im Auge und im Bewusstsein des Betrachters entsteht. Während viele Künstler die sichtbare Welt darstellen, stellte Mavignier eine grundlegendere Frage: Wie entsteht Sehen? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk. Bereits in den frühen 1950er Jahren entwickelte Mavignier an der Hochschule für Gestaltung Ulm den Punkt zu weit mehr als einem grafischen Element. Aus einzelnen Punkten entstanden Felder, aus Feldern Raster und aus Rastern optische Ereignisse. Seine Bilder beschreiben keine Gegenstände – sie erzeugen Wahrnehmung. Hinzu kommt ein Aspekt, der häufig übersehen wird: die Reliefstruktur vieler Arbeiten. Die Farbe liegt nicht nur auf der Oberfläche, sondern bildet eine plastische Struktur. Licht trifft auf diese Oberfläche, erzeugt Schatten und verändert das Erscheinungsbild ständig. Licht wird damit selbst Teil der Komposition. Die dritte Dimension entsteht nicht allein durch Perspektive, sondern durch das reale Zusammenspiel von Material, Licht und Bewegung. Seine Bilder bewegen sich nicht. Und dennoch beginnen sie vor unseren Augen zu pulsieren, zu schwingen oder räumlich hervorzutreten. Diese Bewegung existiert weder ausschließlich auf der Leinwand noch ausschließlich im Gehirn. Sie entsteht erst im Zusammenspiel von Bild, Licht, Körperbewegung, Auge und Wahrnehmung. Damit verschiebt Mavignier die Rolle des Betrachters grundlegend. Das Kunstwerk endet nicht an seiner Oberfläche. Es vollendet sich erst im Akt des Sehens. Josef Albers hatte bereits gezeigt, dass Farben niemals absolut sind, sondern sich gegenseitig verändern. Mavignier führte diesen Gedanken konsequent weiter. Seine Werke untersuchen nicht nur Farbe, Form und Relief, sondern den Sehvorgang selbst. Deshalb erscheinen seine Arbeiten heute aktueller denn je. Was in den 1960er Jahren häufig unter dem Begriff Op Art zusammengefasst wurde, lässt sich heute ebenso als künstlerische Forschung über Wahrnehmung verstehen. Mavignier interessierte sich nie für optische Täuschungen als bloßen Effekt. Die scheinbare Bewegung seiner Bilder macht sichtbar, dass Wahrnehmung kein passiver Vorgang ist. Sehen ist ein aktiver Prozess, bei dem Auge, Gehirn, Erinnerung und Bewegung untrennbar zusammenwirken. Gerade hierin liegt die erstaunliche Nähe seines Werkes zu Disziplinen außerhalb der Kunst. Architektinnen und Architekten erkennen in seinen Arbeiten den Einfluss von Licht, Rhythmus und Bewegung im Raum. Designer entdecken Systeme visueller Kommunikation. Musikerinnen und Musiker übersetzen seine visuellen Kompositionen in zeitliche Strukturen. Augenärztinnen, Sehwissenschaftler und Neurophysiologen begegnen Fragestellungen, die ihrem eigenen Forschungsfeld erstaunlich nahekommen: Wie entsteht räumliches Sehen? Wie reagiert das Auge auf Kontraste? Wie konstruiert unser Gehirn Bewegung aus statischen Informationen? Dass ophthalmologische Institutionen immer wieder ein besonderes Interesse an Mavigniers Werk zeigen, überrascht deshalb kaum. Seine Arbeiten berühren Fragen, mit denen sich die Sehwissenschaft seit Jahrzehnten beschäftigt. Die langjährige Präsenz eines Mavignier-Werkes in der Augenklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und die Planungen für eine weitere Installation im Bereich des Emma-Schindler-Hörsaals sind Ausdruck dieser inhaltlichen Nähe – nicht bloß zufälliger Begegnungen. Diese Haltung reicht weit zurück. Bereits Ende der 1940er Jahre arbeitete Mavignier im psychiatrischen Krankenhaus Engenho de Dentro in Rio de Janeiro gemeinsam mit Nise da Silveira. Dort erlebte er Kunst nicht als Dekoration, sondern als Form menschlicher Erkenntnis und Kommunikation. Die Frage, wie Bilder Wahrnehmung verändern und neue Zugänge zur Welt eröffnen können, wurde zu einem Fundament seines späteren Schaffens. Seine Punktbilder, Raster, Farbfelder und Reliefstrukturen sind daher weniger Stil als Methode. Sie untersuchen das Verhältnis: zwischen Licht und Farbe, zwischen Fläche und Raum, zwischen Ordnung und Irritation, zwischen Auge und Gehirn, zwischen Wahrnehmung und Erkenntnis. Zum hundertsten Geburtstag Almir Mavigniers setzte das Atelier Mavignier diese Fragestellung in einer neuen Werkgruppe fort. Die chromokinetischen Lentikulararbeiten übertragen seine Komposition in ein zeitgenössisches Medium. Während die historischen Gemälde Bewegung im Auge des Betrachters hervorrufen, verändern die Lentikularwerke ihr Erscheinungsbild mit jeder Bewegung des Körpers im Raum. Farbe, Form und Komposition werden nicht mehr als feststehendes Bild erlebt, sondern als zeitlicher Prozess. Das Werk entfaltet sich erst durch die Bewegung des Betrachters. Damit wird Sehen selbst zu einer räumlichen und zeitlichen Erfahrung. Die neuen Arbeiten verstehen sich deshalb nicht als stilistische Fortsetzung Mavigniers, sondern als Weiterführung seiner zentralen Fragestellung: Wie entsteht Wahrnehmung? Gerade im Zeitalter künstlicher Intelligenz, algorithmischer Bildwelten und digitaler Visualisierung gewinnt diese Frage neue Aktualität. Während Computer Bilder berechnen, erinnert Mavigniers Werk daran, dass Wahrnehmung niemals ausschließlich technisch ist. Sie entsteht im Zusammenspiel von Licht, Material, Bewegung, Auge, Gehirn und Erfahrung. Vielleicht liegt genau darin sein wichtigstes Vermächtnis. Almir Mavignier war nicht nur einer der bedeutendsten Vertreter der Konkreten Kunst oder der Op Art. Er war einer der wenigen Künstler des 20. Jahrhunderts, dessen gesamtes Werk als eine lebenslange Forschung über das menschliche Sehen verstanden werden kann. Seine Bilder zeigen nicht nur die Welt. Sie zeigen uns, wie wir die Welt sehen. |
Demokratie der PunkteKann ein Bild demokratisch sein?
Nicht, weil es politische Ereignisse zeigt. Nicht, weil es Parolen verbreitet. Sondern weil seine innere Ordnung demokratisch ist. Diese Frage führt in das Zentrum des Werkes von Almir Mavignier. Auf den ersten Blick erscheinen seine Bilder als abstrakte Kompositionen aus Punkten, Linien und Farben. Doch je länger man sie betrachtet, desto deutlicher wird: Es gibt kein Zentrum. Keine dominierende Figur. Keine Hierarchie. Jeder Punkt besitzt dieselbe Bedeutung. Jeder Punkt trägt Verantwortung für das Ganze. Erst aus dem Zusammenwirken aller Elemente entsteht Bewegung, Rhythmus und Ordnung. Vielleicht lässt sich Mavigniers Bildwelt deshalb als eine Demokratie der Punkte verstehen. Diese Idee entstand nicht zufällig. Als Almir Mavignier 1953 an die Hochschule für Gestaltung Ulm kam, traf er auf einen Ort, der weit mehr sein wollte als eine Schule für Design. Die HfG Ulm war eine der bedeutendsten kulturellen Antworten auf die Erfahrungen des Nationalsozialismus. Ihre Gründer wollten eine neue demokratische Gesellschaft mitgestalten – durch Bildung, Gestaltung und kritisches Denken. Die prägendenste Person war Max Bill. Bill war nicht nur der Künstler, Architekt, Designer und Bildhauer, der 1951 auf der ersten Biennale in São Paulo den ersten Preis mit einer Skulptur gewonnen hat und mit seiner Ausstellung eine ganze Generation von Neo Konkreten brasilianischen Künstlern beeinflusst hatte - einer davon Almir Mavignier. Er war vor allem ein überzeugter Demokrat. Bereits während der Zeit des Nationalsozialismus bezog er durch sein Wirkung Stellung gegen faschistische Ideologien. Nach dem Krieg verstand er Gestaltung als gesellschaftliche Verantwortung. Design sollte nicht repräsentieren oder manipulieren, sondern Orientierung schaffen und zur Mündigkeit beitragen. Diese Haltung wurde an der HfG nicht nur gelehrt sondern auch gebaut. Die Architektur der Hochschule verzichtete auf monumentale Gesten. Ein unscheinbarer Eingang. Transparente Gebäude mit offenen Blickachsen und Räumen der Begegnung. Werkstätten, Ateliers und Seminarräume waren Ausdruck einer Kultur des Austauschs. Kunst, Wissenschaft, Technik und Gestaltung begegneten sich nicht als getrennte Disziplinen, sondern als gleichberechtigte Partner. Auch die Lehre folgte diesem Prinzip: Nicht Autorität, sondern Diskussion. Nicht Stil, sondern Methode. Nicht Genie, sondern Zusammenarbeit. In diesem Umfeld fand Almir Mavignier seine künstlerische Identität. Seine Bilder verzichten auf das traditionelle Zentrum der Malerei. Kein Punkt herrscht über den anderen. Bedeutung entsteht nicht durch Dominanz, sondern durch Beziehung. Das Ganze entsteht aus der Gleichwertigkeit seiner Teile. Gerade darin liegt ihre erstaunliche Aktualität. Mavigniers Punkte sind keine dekorativen Elemente. Sie bilden ein System. Jeder Punkt besitzt seinen eigenen Ort, seine eigene Funktion und seine eigene Würde. Erst gemeinsam erzeugen sie Bewegung, Spannung und Harmonie. Es ist verführerisch, darin lediglich Geometrie zu sehen. Doch vielleicht erzählen diese Bilder von etwas Grundsätzlicherem. Sie zeigen, wie Ordnung entstehen kann, ohne auf Hierarchie angewiesen zu sein. Sie zeigen, dass Vielfalt kein Gegensatz zur Einheit ist. Und sie zeigen, dass Stabilität aus Beziehungen entsteht – nicht aus Überordnung. Auch Mavigniers Biografie verweist auf diese Haltung. Bereits Ende der 1940er Jahre arbeitete er im psychiatrischen Krankenhaus Engenho de Dentro in Rio de Janeiro gemeinsam mit Nise da Silveira. Dort begegnete er Menschen, deren schöpferische Fähigkeiten lange übersehen worden waren. Kunst wurde zu einem Mittel, jedem Individuum eine eigene Stimme zu geben. In Ulm erhielt diese Erfahrung eine neue theoretische Grundlage. Empathie begegnete Demokratie. Künstlerische Freiheit begegnete Verantwortung. Aus persönlicher Erfahrung wurde eine universelle Bildsprache. Vielleicht erklärt dies, weshalb Mavigniers Werke bis heute so zeitgemäß wirken. In einer Welt, die zunehmend von Polarisierung, Vereinfachung und Konzentration von Macht geprägt ist, erinnern seine Bilder daran, dass komplexe Systeme auch anders funktionieren können. Nicht durch Gleichmacherei. Sondern durch Gleichwertigkeit. Nicht durch Uniformität. Sondern durch Vielfalt. Nicht durch Dominanz. Sondern durch Beziehungen. Almir Mavignier hat keine politischen Bilder gemalt. Aber vielleicht entwickelte er eine der konsequentesten visuellen Vorstellungen davon, wie demokratische Ordnung aussehen kann. Nicht als Ideologie. Sondern als Bild. Eine Demokratie der Punkte. |